Wenn der Körper langsamer wird als der Kopf
Es gibt Tage, an denen mein Kopf voll ist. Voll von Ideen, Abenteuerlust und Tatendrang. Ich möchte raus in die Berge, lange spazieren machen, gleichzeitig im Garten arbeiten, neue Projekte umsetzen und das Leben genießen, wie ich es gewohnt bin.
Und dann meldet sich mein Körper. Nicht sonderlich laut oder dramatisch, aber schon deutlich. Er fordert eine Pause, wünscht sich langsame Bewegungen und Ruhe. Das will wiederum mein Kopf aber oft nicht wahrhaben.
Gerade jetzt, im Sommer und kurz vor der Geburt unseres Babys, fällt mir das manchmal gar nicht so leicht. Denn wenn ich ehrlich bin, macht es mich an manchen Tagen traurig. Nicht, weil ich schwanger bin – ganz im Gegenteil. Sondern weil ich merke, dass ich gerade nicht alles so machen kann, wie ich es gerne würde. Und das kickt manchmal schon ganz schön ordentlich. Die Hormone wirken da sicher auch nochmal mit. Und genau darin steckt für mich gerade eine der größten Lektionen dieser Lebensphase.
Und genau deshalb sitze ich nun hier und schreibe diesen Artikel. Weil ich mit euch teilen möchte, dass es sich manchmal wirklich wie ein innerer Kampf anfühlt. Und meine Art damit umzugehen es ist, all die Emotionen zuzulassen, meine Gefühle zu teilen und mehr und mehr zu lernen die Situation zu anzunehmen wie sie ist und auch dankbar dafür zu sein.
Nicht jede Lebensphase fühlt sich gleich an
Durch meine viele Yogapraxis habe ich in den letzten Jahren meinen Körper immer besser kennenlernen dürfen. Ich weiss, wann er Bewegung braucht, wann mir Yoga gut tut und wann ich Kraft habe und wann nicht. Doch jede Lebensphase bringt ihren eigenen Rhythmus mit. Und manchmal verändert sich dieser schneller, als wir innerlich mitkommen.
Der Kopf hält oft noch an dem Bild fest, wie wir gestern waren. Der Körper lebt aber längst im Heute. Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch. Nicht nur in einer Schwangerschaft verändert sich viel, auch nach einer Verletzung, nach einer Krankheit, in einer stressigen Zeit oder einfach in einer Phase, in der das Leben gerade etwas anderes von dir verlangt.
Yoga beginnt nicht erst auf der Matte
Früher war ich der Meinung, dass Yoga bedeutet, mich auf die Matte zu setzen und zu üben. Nach der Arbeit geht's ab ins Yogastudio - meistens hetzt man dort schon hin, damit man pünktlich ist. Man bewegt sich und geht wieder nach Hause.
Heute fühlt sich Yoga für mich ganz anders an. Denn Yoga beginnt genau in dem Moment, in dem ich akzeptiere, dass zehn Minuten Bewegung heute genug sind. Oder dass ein Spaziergang gerade wertvoller ist als eine intensive Yogastunde. Oder dass Ausruhen keine verpasste Chance ist, sondern genau das, was mein Körper gerade braucht. Denn Yoga erinnert uns immer wieder daran, nicht gegen den Körper zu arbeiten, sondern mit ihm.
Annehmen ist nicht Aufgeben
Das Wort Annehmen wird meiner Meinung nach oft missverstanden. Es klingt schnell so, als würde man “einfach” alles hinnehmen oder aufgeben. Annehmen bedeutet aber nicht, dass ich mir keine Wanderung wünsche. Es bedeutet nicht, dass ich meine Energie nicht vermisse. Und es bedeutet auch nicht, dass ich jeden Moment dieser Phase leicht finde. Annehmen bedeutet vielmehr, mit dem aufzuhören, was gerade ohnehin Kraft kostet: dem inneren Kampf gegen das, was bereits da ist. Das Wort “Kampf” beschreibt ja schon gut, dass es mit Anstrengung und Schmerz zu tun hat. Deshalb wollen wir diesen sanft beenden.
Denn je mehr man versucht, gegen seinen Körper zu arbeiten, desto weiter entfernt man sich von ihm. Und genauso funktioniert es auch in die andere Richtung. Je mehr man dem eigenen Körper zuhört, desto mehr Vertrauen entsteht und der Kopf darf ich den Pausenmodus gehen.
Was Tantra Yoga und Ayurveda Yoga mich gerade lehren
Einer der Gedanken aus der Tantra-Yoga-Philosophie, der mich in den letzten Wochen besonders begleitet, ist das bewusste Ja zum gegenwärtigen Moment. Nicht, weil alles immer leicht ist, sondern weil das Leben genau jetzt stattfindet. Nicht erst dann, wenn der Körper wieder mehr kann. Nicht erst nach der Schwangerschaft. Nicht erst, wenn alles wieder "normal" ist.
Auch der Ayurveda erinnert uns immer wieder daran, dass Gesundheit nicht bedeutet, jeden Tag gleich zu funktionieren. Unser Körper verändert sich mit den Jahreszeiten, mit unseren Lebensphasen und mit unseren Erfahrungen.
Balance bedeutet deshalb nicht, immer dieselbe Energie zu haben. Sondern den Mut, den eigenen Rhythmus immer wieder neu anzunehmen. Und ja, ich weiss, es klingt einfacher als es ist. Aber dranbleiben heißt die Devise. Und sich nicht unterkriegen lassen, wenn es einmal nicht so leicht geht. Schenk dir die Zeit die du brauchst, um die Situation, die dir gerade schwerfällt, annehmen zu können. Ohne Druck - das darf auch mal etwas dauern :-)
Hier beginnt Soft Living
Soft Living bedeutet für mich, sich bewusst Zeit für Tee, Yoga oder kleine Rituale zu nehmen. Durch die verschiedenen Phasen des Lebens habe ich aber auch erkennen dürfen, dass es noch tiefer geht. Soft Living beginnt für mich genau dort, wo wir aufhören, ständig gegen uns selbst zu kämpfen. Wo wir unseren Körper nicht mehr als Projekt sehen, sondern als Zuhause. Ein Zuhause, das sich verändern darf. Mal möchte man neue Möbelstücke, mal eine neue Wandfarbe. Und genauso darfst du mal müde oder langsam sein. Wichtig ist nur, dass du dich immer daran erinnerst, dass du trotzdem genau richtig bist.
Mein Körper schuldet mir keine Leistung
Das ist wahrscheinlich der Satz, den ich in dieser Schwangerschaft am meisten lernen darf. Mein Körper schuldet mir keine Wanderung, keine perfekte Yogapraxis, keine Produktivität. Er erschafft gerade neues Leben. Ein Wunder, welches mich jeden Tag wieder aufs Neue fasziniert. Und allein dafür empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit.
Ich denke, das ist genau die Einladung dieser Lebensphase: Nicht ständig zu fragen, was mein Körper heute leisten kann.
Sondern zu fragen: Was braucht er heute von mir?
Wir dürfen also erkennen, dass es Lebensphasen gibt, die uns nicht nur stärker machen, sondern auch weicher. Lebensphasen, in denen wir lernen dürfen, unserem Körper wieder zuzuhören. Nicht weil er perfekt funktioniert, sondern weil er jeden Tag sein Bestes gibt. Und da beginnt nicht nur Selbstfürsorge, sondern vor allem auch VERTRAUEN.

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